Der 1. Mai ist einer der meist missverstandenen Feiertage im deutschen Kalender — und zugleich einer mit der dichtesten Schichtenfolge aus Heidentum, Kirchenpolitik, Arbeiterkampf und NS-Propaganda. Wer heute frei hat und das für selbstverständlich hält, kennt die Geschichte hinter diesem Tag meist nicht.
Weit vor allem Politischen feierten vorchristliche Kulturen zu dieser Zeit ein Fest, das die wiederkehrenden Naturkräfte und die warme Jahreszeit beschwor. Bei den Kelten hieß dieses Fest Beltane und wurde traditionell in der ersten Vollmondnacht zwischen der Frühjahrs-Tagundnachtgleiche und der Sommersonnenwende — also meist Anfang Mai — begangen. Im keltischen Jahreskreis stand Beltane als jahreszeitliches Gegenstück zu Samhain, dessen Überbleibsel wir heute als Halloween kennen. Auch der traditionelle Maibaum hat hier vermutlich seinen Ursprung, denn die Kelten schmückten zu Beltane die Häuser und Ställe mit frischem Grün und feierten mit Maibaum, Mai-Lehen und Maikönigin.
Die Kirche sah das ausschweifende Fest naturgemäß als Problem. Als man im Jahre 870 die Äbtissin von Heidenheim „Walburga“ heilig sprechen wollte, war das der willkommene Anlass für einen eigenen Feiertag. Anlässlich der Überführung ihrer Gebeine nach Eichstätt am 1. Mai sprach Papst Hadrian II. die bereits 779 Verstorbene heilig und rief dazu auf, ihrer an diesem Tag zu gedenken. Doch das setzte sich nicht durch. Die Menschen blieben bei ihren heidnischen Bräuchen und feierten weiterhin ein ausgelassenes und höchst lüsterndes Fest. Ein Muster, das sich wiederholen sollte.
Der Name des Festes leitet sich von der heiligen Walburga ab, deren Gedenktag bis ins Mittelalter am 1. Mai, dem Tag ihrer Heiligsprechung, gefeiert wurde. Die Walpurgisnacht war die Vigilfeier des Festes. Was die Kirche damit beabsichtigte, liegt auf der Hand: Die wildernde Volksspiritualität des Beltane-Festes sollte durch eine braved christliche Heiligenfigur domestiziert werden. Es gelang nur halbwegs.
Der Funken aus Chicago
Das politische Fundament des heutigen Feiertags stammt nicht aus Bayern oder Rom, sondern aus dem Schlachthofviertel von Chicago. Am 1. Mai 1886 traten in den Vereinigten Staaten rund 400.000 Beschäftigte in einen Generalstreik, um die Einführung des Achtstundentags zu erzwingen. In Chicago, einem Zentrum der Streikbewegung, versammelten sich Tausende auf dem Haymarket. Bei gewalttätigen Auseinandersetzungen am 3. und 4. Mai kam es zu einem Bombenanschlag und Schusswechseln, die mehrere Todesopfer forderten und als Haymarket-Affäre in die Geschichte eingingen.
Nach Darstellung der Polizei warfen Anarchisten die Bombe, obwohl es dafür keine Beweise gab. Acht Männer, darunter einige Deutschstämmige, die an der Organisation des Streiks beteiligt waren, wurden angeklagt und für schuldig befunden. Vier wurden hingerichtet. Bis heute ist unklar, wer für die Bombe verantwortlich ist. Aus diesem Blutbad heraus beschloss der Gründungskongress der Zweiten Internationale 1889 in Paris, den 1. Mai als „Kampftag der Arbeiterbewegung“ auszurufen.
Goebbels macht’s möglich
Was Sozialdemokraten und Gewerkschaften in der Weimarer Republik trotz jahrzehntelangem Ringen nicht durchsetzen konnten, erledigte 1933 ausgerechnet die NSDAP per Federstrich. Am 10. April 1933 wurde ein Gesetz verabschiedet, das den 1. Mai zum „Feiertag der nationalen Arbeit“ machte. Was Sozialdemokraten und Gewerkschaften jahrzehntelang nicht gelungen war, setzte Hitler um und entwand der Arbeiterbewegung zugleich ihren Tag, indem er ihm einen völlig anderen Sinn gab.
Von Anfang an, dem 1. Mai 1933, wurde die Feier mit der Zerschlagung der freien Gewerkschaften verbunden — die Gewerkschaftshäuser wurden am 2. Mai 1933 durch NSBO, SA und SS besetzt. Goebbels hatte das im Tagebuch bereits klar formuliert: Erst die Arbeiter mit einem Festtag einlullen, dann ihre Organisationen zertreten.
Mit der Umbenennung in „Nationaler Feiertag des deutschen Volkes“ ab 1934 beriefen sich die Nationalsozialisten auf uraltes, vorgeblich germanisches Brauchtum. Der 1. Mai galt ihnen als „den ewigen Lebenskreislauf bejahender“ Festtag zum Frühlingsbeginn. Der Bogen zurück zu Beltane war damit geschlossen — nur diesmal im Zeichen des Hakenkreuzes.
Der Papst springt noch auf den Zug
Als letzten Versuch, den Datum zu kapern, erklärte Papst Pius XII. im Jahr 1955 den 1. Mai zum Gedenktag Josefs des Arbeiters. Der Ehemann Mariens und Nährvater Jesu gilt traditionell als Patron der Arbeiter. Dass viele das bis heute nicht wissen, zeigt, dass auch dieser Plan von der ignoranten Gesellschaft nicht wahrgenommen wurde.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der 1. Mai als Feiertag im Jahr 1946 durch den Alliierten Kontrollrat bestätigt. Heute steht er im Kalender, weil Kelten feuerten, Anarchisten starben, Goebbels rechnete und Gewerkschaften jahrzehntelang kämpften — nicht, weil irgendeine Regierung aus Großzügigkeit einen freien Tag verschenkt hätte.


